Willem Walraven - Auf der Grenze

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Auf der Grenze

Das Haus stand in einer ziemlich breiten, normalerweise ausgestorbenen Straße, in einer der stickendheißen alten Küstenstädchen von Ost-Java, die im Hinterland dahinvegetieren; wo vereinzelte Zuckerfabriken und einige Bergkulturunternehmen gemeinsam mit dem unergründlichen Ankaufhandel der Chinesen und Araber nach einer Gelegenheit zur Verfrachtung suchen. Je weiter man sich der See näherte, umso mehr unförmigen Schuppen mit Wellblechdächern begegnete man, bis man endlich in der Ferne das Meer entdeckte, von dem man dennoch immer noch durch eine schlammige Untiefe getrennt blieb. Nur eine breite Rinne, von Land her vom ausmündenden Flußwasser in Stand gehalten, durchschnitt das morastige Gebiet. Durch die Rinne fuhren Praus bis zu den Dampfern, die sicher ›auf Strom‹ blieben und sich nicht in die Nähe der Anschwemmung wagten. Zu beiden Seiten, unabsehbar weit, befand sich ein Netz aus Fischteichen. Und auf dem Schlick seitlich der Rinne lag das Wrack eines kleinen Holzschiffs, das auf die Seite gefallen jämmerlich verrottete. Es war einst hier während eines Sturms in Sichtweite des Hafens zerschellt; nach der Abtakelung hatte man es seinem Schicksal überlassen.

Doch die Hafenmole mit ihrem rechteckigen Kai aus Klinkern und seinem Zollbüro mit grünen Läden war ganz und gar holländisch. Und folgte man dem Fluß zurück in die Stadt, kam man nach einer Brücke an eine Verbreiterung, wo die Ufer gegen Ausschwemmung befestigt waren. Die Biegung des Ufers an der rechten Seite verriet tatsächlich holländische Anlage. Den Kai, der ebenfalls beklinkert war und den man zum Löschen und Laden im Schatten der Bäume angelegt hatte, hätte in einem Hafendorf von Zeeland liegen können. Die niedrigen Häuschen, deren Fenster auf den Hafen hinaus zeigten, waren in demselben Bogen errichtet wie der Landeplatz. Kleine Dalben steckten ihre Köpfe noch über das Pflaster hinaus. Die Häuschen besaßen Klöntüren und bei manchen stand eine Schwellenbank neben der Tür; stets hatten sie ein einziges ordentlich großes Fenster, das dem Zimmer dahinter Licht gab. Nichts fehlte an dem Bild, außer die hellen Gardinen, ein paar rote Geranien und Fuchsien auf den Fensterbänken, einige Tjalken und Bojern vor dem Land mit einer kleinen Roof, Laufplanken und ein kläffender Spitz im Gangbord. Aber das einstige Schifferleben, das hier einmal auf holländische Art gediehen haben mag, einschließlich des Geruchs von Tauwerk und Teer und Tabak, war seit der Anlage einer Eisen- und Straßenbahn verschwunden, nur das alte Dekor hatte nahezu unangetastet überdauert. Am späten Nachmittag, als das kleine Hafenviertel von den ein wenig schwächer gewordenen schrägen Strahlen der untergehenden Sonne erleuchtet wurde, beschlich einen bei der Betrachtung die Wehmut. Dann kam es einem vor, wie ein Sommermittag vor langer Zeit irgendwo in Brouwershaven oder Stavenisse.

An der anderen Seite des alten Hafens hingegen befanden sich Zäune oder zerfallende, mit schwarzem Schimmel überzogene Mauern der Rückseiten der großen Häuser, die an jener Straße lagen, die natürlich Heerenstraat hieß. Hier nämlich wohnten früher die ›Herren‹ des Städtchens. Und echte Herren waren sie in der Tat gewesen. Nun wohnten dort keine solche Herren mehr, obschon die Bezeichnung ›Herr‹ skrupulös in Ehre gehalten wurde. Sogar an dem kleinen Hafen, in den Häuschen mit den Klöntüren wohnten jetzt Herren. Na klar.

Die Heerenstraat war mit knorrigen Pili- und Tamarindebäumen bepflanzt, alten Exemplaren, die ihre Wurzeln bis unter die steinernen Gartenmäuerchen der Häuser ausstreckten, die sie hier und dort sogar angehoben hatten, sodaß die kleinen Säulen schief standen und das Eisenwerk verbogen war.

Ummauerungen fanden sich in dem Städtchen reichlich. Die längst verstorbenen Generationen, die diese Häuser errichtet hatten, hatten weder an Ziegelstein, noch an Kalk und Sand gespart. Ungeschlachte Kästen von Häusern mit dicken Säulen, die außer einem halbverfallenen Ziegeldach nichts zu tragen hatten, die an allen Seiten seit wer weiß wann mit vielen Lagen Kalk überzogen waren, wodurch alle scharfen Linien, alle Kanten abgerundet waren. Als hätte man die Säulen aus Knetmasse hochgezogen, aus wären sie aus einem weichen Brei mit vollen Händen von klodderige Stümpern zu plumpen Säulen zurechtgemacht worden.

Alt war die Stadt, stickendheiß, unordentlich und schmutzig, mit Resten verfallener Größe und snobistischen Gebilden einer späteren Zeit. Der Klub war mit ehrfurchtgebietenden Säulen versehen. Ohne große Veränderungen hätte man zwischen ihnen den Julius Caesar von Shakespeare aufführen können, so weit reichten die Zwischenräume, Caesars Totenbahre aufzustellen, und für die ausgreifenden Gesten des Trauerredners dazu. Das Haus des Residenten war eigentlich eine Ruine mit zerbröckelnden Umfassungsmauern und verfallenem Stuck, voll unvermuteter Zimmer und ›Nebengebäude‹ noch aus der Zeit der Fronarbeit, als solche grotesken Steinklumpen aus dem Boden gestampft werden konnten, ohne daß es den Haushalt des Landes nennswert belastete. Und doch hatte Louis Couperus in diesem Haus in irgendeinem dieser Zimmer zu Beginn dieses Jahrhunderts übernachtet und sogar letzte Hand an einen Roman gelegt! ...

Vage Geschichten kursierten über märchenhafte Beträge, die man in früheren Jahren mit Schmuggel an der unbewachten Küste ›verdient‹ haben mußte, die aufgrund ihrer Fieber hervorrufenden Sümpfe für unzugänglich gehalten wurde. Dem Gewinn aus dem Schmuggel hatte der größte Teil der protzigen geschmacklosen Häuser vermutlich seine Existenz zu verdanken. Zur Zeit von Majapahit und Mataram war um den Besitz dieser Stadt gekämpft worden, und sogar noch zur Zeit der Compagnie hatten hier wichtige Kriegshandlungen stattgefunden. Der Alun-Alun war weit und prunkte mittendrin mit dem jahrhundertealten Waringin. Der Turm der Moschee ragte hoch in die Luft, und die Gräber drumherum waren sehr heilig. Alles ließ darauf schließen, diese Festung hätte Surabaya und Semarang übertrumpfen können, doch die Dinge verliefen tragisch. Das Leben war gewichen; die Stadt erinnerte nurmehr an das ausgegrabene Pompeji oder an Herculaneum.

Klein und armselig waren auch die Gedanken der Bevölkerung, unter der ein freier Geist nicht den geringsten Raum zur Entfaltung bekam. Jeder kannte jeden; man belauerte sich und tratschte übereinander, in krankhaftem Verlangen, von den Geschäften des Nächsten so viel wie möglich zu erfahren. Wer dabei nicht mittat, wurde wie auf gegenseitige Verabredung für tot erklärt und räumte früher oder später das Feld. Begegnete ein anerkannter Ansässiger auf seinem Abendspaziergang einem unbekannten Europäer, belauerte er diesen verstohlen von unter seinen gesenkten Augenlidern und fragte sich, wie das möglich war? Was tat er hier? Was hatte er hier zu suchen? Wer und was war er? Wieviel würde er wohl ›verdienen‹? Und die Gemeinschaft ruhte nicht eher, bis daß der Fremde seinen Besuch abgestattet und Rechenschaft bezüglich seiner Herkunft und seiner Zukunftspläne abgelegt hatte.

Um all dies herum spielte sich das Leben der Chinesen und der Einheimischen ab, dessen innerstes Getriebe dem europäischen Teil der Gemeinschaft ein Mysterium war. Was die Chinesen anging, war dieses Leben vom Verlangen erfüllt reich zu werden; erfüllt vom Aufeinanderhäufen eines winzigen Gewinns auf den anderen winzigen Gewinn, stillvergnügt mit kühlen glänzenden Äuglein. Und doch bisweilen wieder abgelöst von Anflügen parvenühafter Angeberei und Freigebigkeit, als wollte man der übrigen Welt die Augen ausstechen und sie blenden. Das Leben der Einheimischen, der älteren unter ihnen, konzentrierte sich zumeist um die Moschee und das Bethaus, durchaus ein wenig selbstzufrieden und leicht pharisäerhaft, wenn sie freitags zum Tempel hinaufgingen, die Hadjis in langen Kaftanen, mit europäischen schwarzen Regenschirmen. Der maduresische Kuli führte ein karges Dasein, indem er sein Geld im Gürtel sparte und nachts in einer Hütte oder einer leeren Packkiste schlief. Unter ihnen gab es aber auch viele, die schon früh des morgens, ehe die Sonne aufgegangen war, sich mit anderen im Bethaus des Kampong trafen, wo sie beteten, erst ruhig und langsam und gedämpft, schließlich lauter und lauter, heftiger und heftiger, bis keine lebende Seele im Kampong und seiner nächsten Umgebung mehr ein Auge zu machte. Währenddessen kleidete sich das jüngere, in kosmopolitischen Angelegenheiten entwickeltere Geschlecht nach der letzten westlichen Mode, wie exzentrisch sie bisweilen auch sein mochte. Und an mondhellen Abenden berauschten sie sich, still untereinander, an exotischen Wörtern wie ›Imperalismus‹, ›ausländisches Kapital‹, ›Nationalismus‹. Dann hockten sie bis spät in die Nacht beieinander und strichen eintönig die Saiten ihrer Gitarren, erklang ab und zu nasal die Zeile eines pantun.

Von all den heterogenen Bestandteilen der Stadtbevölkerung war sie, die Gruppe der Javaner, die bei weitem interessanteste und sympathischsten, das Leben der die Tage und Jahre zählenden Weißen hingegen erbärmlich farblos. Die hausbackenen Chinesen, den Kopf voll mit ›Handel‹, mit dem niemals zu unterschätzenden Einfluß ihrer kakelnden, aber kühl kalkulierenden Frauen im Hintergrund ihres Daseins, atmeten wie in einem Ghetto. Die Araber verbargen ihre mysteriöses Anwesen hinter Barrikaden aus Mauern und geschlossenen Toren, aus denen nur das Gemurmel des Dikirren drang. Die Javaner dagegen, die Kinder des Landes, lebten in den Kampongs noch weitgehend ihr eigenes natürliches Leben, abseits der Herrenwege, die im übrigen selten für sie und (außer in Lohndienst) von ihnen angelegt worden waren. Stundenlang, vor allem an Samstagabenden, vergnügten sie sich in ihrem eigenen Kreis. Beim Schein flackernder Lichter, im Rauch von Öl und Sate Kambing, dem süßlichen Duft indonesischer Früchte, mit Vanille gewürzter Zigaretten, Bedak und nach Kokosöl riechender Frisuren, ergötzten sie sich am lärmenden Ketoprak, dem Volksvergnügen der letzten fünfzehn, zwanzig Jahren, in dem die vergröbernden Einflüsse der platten Possenreißerei der ersten Stummfilme so gut zu erkennen sind. Hier und dort hielt ein unermüdlicher Dalang seinen nichtendenwollenden Monolog vor dem weißen Tuch mit den hauchzarten ledernen Puppen, begleitet vom Vibrieren und Wummern der Becken und Trommeln. Und in alledem blühte die Liebe, die Romantik und die Erotik, aber auch der Drang nach Geld herrschte dort und der Schmerz der Leidenschaft.

Sie lebte in dem großen alten verfallenen Haus. Das Haus an der vornehmen Europäerstraße. Man nannte sie ›mevrouw‹ oder ›njonja‹, aber sie war eine Einheimische reinsten Wassers. Jahre zuvor hatte sie, als kleine gendoh begonnen, das Leben mit dem Weißen zu teilen, der ihr Mann geworden war, der der Vater ihrer Kinder war und dessen Name sie mit tragischem Trotz trug. Jetzt war er tot, gestorben an einer verschleppten Malaria und Grippe, und die Kinder - Jungen und Mädchen - waren erwachsen in alle Richtungen ausgeflogen, die Jungen in niedere Stellungen des Gouvernements, weit entfernt am anderen Ende von Java und in den Außenbezirken, die Mädchen ins riesige Surabaya, wo sie in einem großen Kontor oder in einem großen europäischen Toko für sich selbst sorgten. Nichts verstand sie oder sehr wenig von ihrer aller Leben, wie sie schon in früheren Jahren wenig vom Leben ihres Mannes außerhalb des Hauses verstanden hatte. Die Söhne waren klobige, mager-muskulöse Burschen, die Drachen hatten steigen lassen, Fußball gespielt hatten und in der Miliz gewesen waren. Die Mädchen hatten sich auf unerklärliche Weise als asiatische Schönheiten entpuppt, mit olivfarbener Haut und Mandelaugen, gepaart mit anmutigen Beinen in Seidenstrümpfen und immer wieder - als wäre das Leben ein Theater oder eine Mode-Show - in eleganten Kleidern und sanftgewellten Frisuren wie Filmschauspielerinnen. In ihren Augen war das abwechselnd wunderbar und bestürzend. Sie fühlte sich machtlos und von diesen Kindern wie durch ein fremdes Element getrennt. Wäre in ihrem einfachen Gemüt der Vergleich aufgekommen, hätte sie sich gefühlt wie das sprichwörtliche Huhn, das Enteneier ausgebrütet hat und jetzt zusieht, wie ihre Brut sich im Wasser vergnügt, während sie in Todesangst am Ufer hin und herläuft. Aus der Angst wurde allmählich Befremden und schließlich Ergebenheit. Sie hatte sich damit abgefunden und eingesehen, daß dies der Gang des Lebens war. Seit die Kinder zur Schule gegangen waren, hatte sie nämlich die bereits langsame Entfremdung bemerkt, hatte sie schon die unvermeidliche Tatsache erkannt, daß sie in eine ihr fremden Sphäre aufgenommen wurden; daß sie einer anderen Welt angehörten, die für sie immer ein geschlossenes Buch bleiben sollte, gegenüber deren Äußerungen sie sich mit wahrhaft orientalischer Ergebenheit und fakirhafter Geduld sich abzufinden hatte.

Obschon indes die Kinder in alle Himmelsrichtungen verstreut waren und an fernen Orten ihr von ihr unverstandenes Leben lebten, vergaßen sie sie ganz und gar nicht. Es waren indonesische Kinder, und das hieß, daß sie trotz all ihrer mundänen Neigungen und frivolen Allüren der besondere Charakterzug der Asiaten zierte, will sagen, die Ehrfurcht oder zumindest ein Pflichtgefühl gegenüber den Älteren, gegenüber dem Ursprung des Lebens, gegenüber derjenigen, die sie in ihrer kindlichen Hilflosigkeit versorgt und verhätschelt hat. Diese Eigenschaft besaßen auch ihre Kinder. Nicht, daß sie davor zurückgeschreckten hätten, von ihr alle möglichen Dienste zu erbitten. Nicht daß sie ihr nicht mit allerlei Aufträgen und Bitten zur Last gefallen wären, die fast Befehlen gleichkamen. Doch daneben vergaß niemand von ihnen ihr die monatliche Postanweisung zu schicken, wenngleich deren Betrag nur klein war, der jedoch von dem Monatsgehalt vor allem anderen beiseite gelegt wurde, vor dem Übrigen, das so oft an nutzlosen und nichtigen Dingen vergeudet wurde. Sie alle gemeinsam sorgten dafür, daß ›Mama‹ leben konnte, wenngleich nicht üppig, und obwohl sie ihr bei ihren sporadischen Besuchen jeden kleinen Luxus oder was in ihren Augen als Luxus erschien, bestritten.

So lebte sie in dem kahlen alten Haus zusammen mit ihrem einzigen Enkelkind, der siebenjährigen Gerda, dem Kind ihrer ältesten Tochter, früh verheiratet mit einem Mann, der in den Bergkulturen ›saß‹, weit entfernt von Schulen und der ›Zivilisation‹. Und auch Gerda war und blieb ihr fremd. Gerda sah in ihr, trotz ihres jungen Alters, ›eine Eingeborene‹ und gehorchte nur widerwillig den Regeln des langweiligen, ausgestorbenen Hauses. Und sie, die Großmutter, konnte in dem Kind, das ihr bis vor kurzem noch eine Fremde war und das sich trotzig verhielt und geringschätzig, nicht ihr eigenes Blut erkennen. Pflichtgemäß verrichtete sie, was zu verrichten von ihr angenommen wurde, den Anweisungen ihrer verheirateten Tochter folgend, halb aus Respekt vor einem der ›tüchtigen Kinder‹, die ihr vollkommen über den Kopf gewachsen waren, halb wegen der Postanweisung, die jeden Monat auch von der Seite kam.

Gerda nannte sie ›Oma‹ oder ›Neneh‹ und das störte sie. Denn sie war schließlich noch jung! Mit dem Tod ihres Mannes, als sie mit all den halberwachsenen Kindern zurückblieb, war für sie tatsächlich erst die Zeit der ersten Jugend abgeschlossen. Sie hatte ihr Leben früh begonnen, viel zu früh, beinahe noch ein Kind. Ihre ersten Kinder hatte sie zur Welt gebracht, wie Hagar Ismael gebar, in Dienstbarkeit und pflichtgemäß, gewissermaßen auf höheren Befehl. Mit den Kindern war sie selbst noch ein Kind gewesen und jetzt, wo sie alle, auch die Jüngsten ganz oder beinahe erwachsen waren, blieb sie zurück, nicht als alte Frau, sondern als eine Frau in der Blüte ihres Lebens. Sie hatte mit dem Leben und der Welt noch nicht abgeschlossen. Bisweilen war ihr, als ob für sie erst jetzt zum ersten Mal das Leben begann.

Wohl hatte sie für die große Familie gesorgt und gearbeitet, doch daneben war ihr Leben regelmäßig und ordentlich gewesen. Sie hatte sich im Unterschied zur Mehrheit ihres Volkes auf geregelte Mahlzeiten, auf feste Gewohnheiten des Aufstehens und zu Bett Gehens eingerichtet. Sie kannte durchaus die Verwendung der allgemein bekannten Heilmittel wie Chinin und Borwasser, sie hatte einigermaßen ein Verständnis von antiseptischen Mitteln und allgemeiner Hygiene gewonnen.

Sie war sich der Wirkung sanfter Seife auf der Haut ihres Gesichts bewußt und hatte die ranzige Kokosölluft in ihrem Haar hassen gelernt. Wenn sie ausging, wölbten sich ihre Hüften und Schenkel in sanften Rundungen unter ihrem glatten Kain aus früheren Tagen und ihr Kebaya mit schlichten Spitzen spannte sich fest um ihren vollen Busen und betonte ihre kleinen Hände mit den von Natur schön geformten Fingerspitzen und makellosen Nägeln. Sie mochte es, geschmückt mit ihren flachen Armreifen aus Gelbgold, auf ihren Pantöffelchen durch das Gewühl des Chinesischen Viertels zu trippeln und die Achtung, mit der man ihr im Kampong, in ihrer Welt, begegnete, schmeichelte ihr, und sie genoß es.

Ah, der Kampong! Das war ihr Leben. Dort atmete sie freier. Es gab alte Kampongs in der Stadt mit ruhigen Orten und malerischen Eckchen, welche die Leute auf der breiten Straße nicht vermuteten und selbst niemals gesehen hatten. Gleich hinter den europäischen Monstren aus Kalk und Stein begann der Kampong, erreichbar durch enge, von der großen Straße abzweigenden Gassen, in die selten ein Europäer einen Fuß setzte. Mochte es auch schmutzig und primitiv sein, wie die Leute sagten, so war es auch schön und gemütlich und sogar poetisch, wie man hier und dort ein kleines Haus antraf, halb verborgen im Schatten eines Bambusstuhls oder ein breite kühle Wohnung eines wohlhabenden alten Einheimischen, deren Fußboden mit Matten ausgelegt war, die zum Sitzen einluden und wo man gemütlich bei Tee und Naschwerk oder den Zutaten des bewährten Betelpriems plauderte. Wo man das ohnedies falsche ›Gnädige Frau‹ oder ›njonja‹ beiseite ließ und sie mit dem so respektvollen und zugleich vertraulich und sicher klingenden ›mas adjeng‹ ansprach. Und, oh Allah-ah seufzte sie mit langer Betonung der letzten Silbe dieses Wortes, sie konnte nicht anders, aber die stille Huldigung in den Augen der Männer war ihr angenehm. Ihr eigenes Volk, ihre eigene Sprache, ihre eigenen Sitten. Wieviel hatte sie ungeachtet all des Guten der vergangenen Jahre nicht entbehrt in ihrem Leben. War es nicht doch, ungeachtet des Titels ›Gnädige Frau‹ nur ein Leben in Dienstbarkeit und sklavischer Unterordnung gewesen? Und war es noch stets. Sogar in den Augen der kleinen Gerda las sie den Wahn der Überlegenheit der anderern Rasse. Und die herablassende Freundlichkeit der anderen Damen auf der Straße, mal belehrend, ein anderes Mal schulmeisterlich, nahezu befehlend zurechtweisend, ließ in ihr etwas erkalten, sobald sie wieder das alte Haus betrat, in dem all ihre Kinder geboren worden waren und das dennoch niemals das ihre wurde.

Seit die Kinder aus dem alten Haus verschwunden waren, waren ihr dessen kahle Zimmer wie ebensoviele Grabkavernen vorgekommen, waren die wenigen unbequemen steifen Möbel für sie nur noch wie leblose Gedenksteine eines ungekannten Glücks oder innigen Beisammenseins vorgekommen, gleichwohl aus einer Zeit, in der ihr Leben mehr Ziel und Wärme gehabt zu haben schien. Jeden Morgen öffnete sie die drei Paar Türen der schmalen vorderen Galerie, die Türen, die alle klemmten und deren Schlösser jedes seinen besonderen Schaden hatte. An den Seiten der inneren Galerie öffnete sie die Fenster mit dem billigen, sich wölbenden, welligen Glas, durch das man die Außenwelt sah wie durch einen Zerrspiegel. Die alte Tukang-kebun, das Mädchen für alles, das drei Gulden im Monat bekam und einen Teller Nasi zur Essenszeit, fegte und den Boden aus roterdigen Fliesen wischte, ausgetreten von den vielen Füßen, die in früheren Jahren darüber hinweggegangen waren. Gegen die ungemütlichen weißen Wände, die keine Täfelung besaßen, stand hier und da ein Schrank aus früheren Tagen, hellgelb und von geringer Tiefe mit nutzlosen Verzierungen aus der bürgerlichen Zeit des 19. Jahrhunderts. Jedes Schloß war defekt, denn Schlösser sind un-indonesisch und immer defekt. Wie alle echten Einheimischen hatte sie die wirkliche Funktion der Schlösser, Schrauben, Dosenöffner und Messerschärfer verstehen können. Sie konnte auch nicht den wirklichen Zweck von Vorratsgläsern und luftdichten Dosen einsehen, die bei ihr nie ganz verschlossen waren. Schloß man nämlich eine Dose richtig, hatte man große Mühe, sie später wieder zu öffnen! Natürlich saß sie nie auf den Stühlen. Sie hatte ihr großes baleh-baleh in der hinteren Galerie, mit Matten belegt, auf denen alles umherlag, was sie möglicherweise benötigte, ihr Betel und ihre Zigaretten, manchmal ein Päckchen, in eine grünes Blatt gewickelt, mit etwas Eßbarem. Auf der vorderen Galerie standen noch Schaukelstühle, die aus den Tagen der schaukelnden Ahnen datierten, die nunmehr ausgestorben waren und uns dennoch seine Andenken in Gestalt von Häusern und Mobiliar wie das ihre hinterlassen haben, das man in den Romanen eines gewissen ›Maurits‹ beschrieben findet, von Menno ter Braak u.a. hoch gepriesen, in Indonesien selbst aber wie gewohnt vielgeschmäht. Was ist aus all ihren schwarzen Bowlern geworden, ihren Lüsterjacketts und ihren Batik-Schlafhosen und weißen Kabayas? Vor dem blassen Hintergrund ihrer Zeit sieht die Einbildung sie sich bewegen mit herabhängenden Schnurrbärten und von Suff und Bewegungsarmut geschwollenen Gesichtern, raffend und prassend und pompöse Häuser bauend, über die die Nachfahren lachen würden.

In dieser Umgebung, die nichts mehr mit der Gegenwart zu schaffen hatte, erfüllte sie ihre mechanischen Pflichten. Sie half dem Kind zur Schule, aß ein Stückchen klebrigen Klebreis mit geriebenem Kokos und und Gula-Djawa, rauchte eine Djatirunggo-Zigarette, die sie herrlich fand, obgleich die Kinder ihre Nase über diese vulgäre Gewohnheit rümpften, und zog mit einem Gulden zum Markt. Wenn sie nach einer Stunde genüßlichen Feilschens, jeweils um zwei Cent für einen Bandeng oder ein Cent für eine Handvoll Spinat zurückgekehrt war, rief sie Turie, die Köchin, eine Maduresin und ein wandelndes Skelett.

Kokkie Turie kniete neben dem herrlichen, vom Markt kommenden Stilleben. Wie die leuchtenroten Lomboks zwischen den hellgrünen Petehbohnen glänzten; wie glitzernd silberweiß die Schuppen dieses fetten Bandeng funkelten! Wie frisch angeschnitten da die Scheiben Tempeh äugten, orange zwischen schimmelgrau. Und das rosarote Fleisch mit einem hellgelben Fettrand und zwei Blätter Weißkohl und die Terung für das Sajur und das Stückchen Kerbaumagen mit den Stacheln, oh, und das Trassi, so verlockend in ein frisches Bananenblatt verpackt. Die Ingwerwurzel, das Kurkuma, das Laos! Zusammen berieten sie sich über die Preise, und Kokkie Turie, eine alte Freundin, die schon die Kinder im slendang getragen hatte und die ein ›Familienstück‹ war, wie die indonesischen Leute sage, Kokkie Turie sperrte ihren roten Saftmund weit auf vor Ehrerbietung und Verwunderung, wenn sie von den Talenten der njonja auf dem Gebiet des Herunterhandelns vernahm. Um einen Cent herunterhandeln, das bedeutete einen Sieg über das Leben, über die Welt.

Dann öffnete sich mit einem Knarren die Reiskiste, immer mit demselben Knarren, und der Reis wurde ›ausgegeben‹. Und aus der viereckigen Flasche, in der sich einst, vor langer Zeit, Jenever befunden hatte, kam die erforderliche Menge Kokosöl und Kokkie Turie verschwand in ihr dapur, die große Ähnlichkeit mit dem Laboratorium einer Hexe von der Hunnenschans aus dem Roman von Oltmans besaß, so schwarz verraucht waren die Wände, mit langen Fäden aus Spinnweben und Ruß, die von den Sparren herabhingen. Die Beleuchtung des dapur war mysteriös. Und während Kokkie Turie bei den vielen Vorgängen rieb und klopfte, schnaufte und knetterde, an deren Ende eine Reistafel herauskommt, setzte sie sich selbst in ein Eckchen ihres Riesen-baleh-baleh und rauchte sinnierend eine Zigarette, hin und wieder stumm am endlosen Spitzensaum einer Tagesdecke häkelnd, die einzige Handarbeit, derer sie mächtig war und die sie, Gott-weiß-wie, in früheren Jahren gelernt hatte. Sie erwartete Gerda, die um eins aus der Schule kam.

Als Gerda kam, erhitzt und gereizt vom Laufen in der gleißenden Sonne, wurde nasi gegessen, das ewige nasi dieses Landes. Sie aßen nasi, wie ein Pferd Heu frißt, wie eine Kuh auf der Weide das Gras verdaut, wie ein Gefangener seine Ration hinunterschlingt. Tagein tagaus das selbe Menü. Und war dann ihr Magen gefüllt, zogen sie sich für eine Stunde zur Ruhe aufs Bett, ›Oma‹, um wirklich zu schlafen, denn ihr Gewissen war unbeschwert, Gerda, um sogleich wieder aufzustehen und über das Grundstück zu streunen, in den Wasserapfelbaum zu klettern, auf der Suche nach unreifen Früchen, und in der Küche zu versuchen, in einer irdenen Schüssel mit Hilfe eines Reibholzes rujak zu anzumachen. Dabei suchte Gerda Kontakt mit jedem, der ihr Gelegenheit dazu bot.

Aber sie erwachte stets zur selben Uhrzeit, so automatisch verlief ihr Leben. Kein schreiender Straßenhändler mit Gemüse oder Obst, kein Händler leerer Flaschen und Dosen, keine Glocke des Eismannes hatten die Kraft, sie zu wecken, solange sie wie ein echter Naturmensch schlief. Das einzige, was sie instinktmäßig erwachen ließ, war der Agent der Weeskamer. Kam er, war ihr, als würde sie von einer Nadel gestochen. Er war ein langer Bürokrat mit einer affektierten Stimme, einem Schnurrbart mit spitzen Enden, die fett aufgerichtet waren und einem Kneifer mit Goldrand.

Er kam manchmal zu ungelegener Stunde. Denn das Haus und die Möbel befanden sich unter Verwaltung der Weeskamer, die für die Kinder ›aufkam‹, solange einzelne noch minderjährig waren, und sie war nur eine Art geduldete Haushüterin. Der Agent der Weeskamer, vor dem sie eine unbestimmte Furcht hegte und der ihr Angst machte mit seiner überheblichen Art und seinen unverständlichen autoritären Inspektionen, immer am Nachmittag oder spät am Abend, war auf unterschämte Weise vertraulich und hatte eine Art, sie begehrlich von oben bis unten zu mustern, wenn sie aus ihrem Zimmer kam, noch schläfrig und in einem hastig übergeworfenen Kabaya über ihrer noch immer einladenden Figur. Ohne Kabaya glich sie dem Frauenbild eines Borobodur-Reliefs, doch nur ein Künstlerauge konnte das in aller Einfachheit würdigen und respektieren, kein Auge hinter einem goldenen Kneifer. Der Agent der Weeskamer war in ihren Augen ein mächtiger Mann, und aus Furcht ging sie in die hintere Galerie, wo sich Kokkie Turi befand oder notfalls Gerda.

Doch wenn ihr Mittagsschlaf nicht gestört wurde und sie gegen vier Uhr, halb fünf aufgestanden war, nahm sie ein Bad im hinfälligen Badezimmerchen gegenüber dem Garten, zu dem sie über den überdeckten Pfad schritt, mit Seife und Handtuch. Ihre Hühner und ihre Enten, ihre Tauben und Kakadus, alles Erinnerungen an ihren Mann und ihre Kinder, tummelten sich beim Gehen zwischen ihren Beinen, und als sie wieder aus dem Bad erschien, eine neue Zigarette in ihrem kühlen Mund, verstreute sie großzügig das Futter unter die Tiere und vergnügte sich daran wie ihre schönen befiederten Gestalten gierig danach pickten.

Dann kam die Dämmerung und die tägliche Erleichterung von der Sonnenhitze. Tee trank sie selten, aber durchaus ein Gläschen farbigen Sirup mit Raspeln jungem Kokos. Auf der Straße begannen die stereotypen Europäer aus dem Viertel, mit ihren frischgewaschenen Gesichtern und peinlich genau gezogenen Scheiteln in ihren pomadigen Haaren, zum Spaziergang auszugehen. Durch die gestärkten Bügelfalten schienen ihre Beine wie aus Holz. Und als es dunkel wurde, drehte sie an den Knöpfen ihrer 40-Watt-Lämpchen (die Kinder fanden 40 Watt genug mit Rücksicht auf ihr monatliches Budget, denn Lesen und Handwerken tat sie abends doch nicht) und saß im schwachen Licht der grotesken rückwärtigen Galerie, wo die verblichenen Fotos längst gestorbener Familienmitglieder ihres Mannes verschwommen an der Wand glänzten, in der Mitte sein eigenes vergrößertes Portrait, so stark von einem Fotografen retouchiert, daß alles Leben daraus gewichen war. Nichts hörte man außer einem gelegentlichen Geschnatter der Enten im Garten, das Gepolter von Kokkie Turi in ihrer Höhle oder das Plaudern von Gerda, die vorn an der Straße mit Kindern aus dem Viertel auf der Mauer saß. Und als auch Gerda nachdem sie einen Teller Reis mit Sauce und ein Scheibchen Fleisch und einen Marie-Keks als Leckerei gegessen hatte, genau zur von der ältesten Tochter vorgeschriebenen Zeit zu Bett gegangen war, jenes Bett, das sich ›unter Aufsicht‹ der Weeskamer befand, die in letzter Instanz auch für sie, Gerda, ›aufkommen‹ würde, saß sie allein oder gemeinsam mit Kokkie Turi, die nie zu schlafen schien, und lauschte den entfernten Klängen eines Gamelan oder den Kehllauten einer Kroncong-Sängerin, die über die Mauerumfassung vom dunklen Garten her zu ihnen kamen. Und es beschlich ein tiefes Heimweh ihr Herz.

Dort, an der anderen Seite des pagger, dort herrschte jetzt Licht und Freude. Und hier, an dieser Seite, im alten verlassenen Haus, würde hier jemals noch junges Leben erblühen? Und sie, war sie verurteilt, dieses Dasein fortzusetzen, bis zu ihrem Tod, während sie auf die Postanweisungen wartete, wegen allem bekrittelt und beknapst, bis hin zur Wasserrechnung und den kargen Lohn der sogenannten Bediensteten, die in Wirklichkeit nicht mehr waren als Erbstücke aus der Zeit, als die Kinder noch klein waren, Menschen, die auch blieben, selbst wenn sie keinen Lohn erhielten? Sie grübelte oft bestürzt darüber nach, und bisweilen schaute sie auf die alte Pendeluhr von deutschem Fabrikat, auf der oben zur Zierde ein Schiffchen stand, von dem die Ratte ein Stück abgenagt hatte, weil sich herausgestellt hatte, daß es nicht aus Holz ist, sondern aus gehärteter Pappe, die den Ratten schmeckte. Sie kalkulierte die Zeit, und als alles schlief, schlich sie nach draußen und verschwand in einem der Gänge, die zum kampong führten, wo sie sich für einige Stunden unter das für sie so gewohnte, beruhigende Leben mischte. Wie von selbst wurde sie dort aufgenommen, ohne daß jemand von ihr etwas wollte, und die Zeit verging wie im Flug. Doch sie eilte wie eine Missetäterin zurück nach Hause und schlich in ihr Zimmer, aus Furcht, das altkluge, stets lauernde Kind zu wecken. Das hatte sie aber längst bemerkt, wurde kurz wach und schlief wieder ein mit dem grollenden Gedanken: »Oma sucht nach Männern. Ich werde es Mama erzählen, wenn ich in den Ferien nach Hause gehe.«

Hieraus entstand der Konflikt. Während eines Wortwechsels mit der ältesten Tochter verschwand sie in einem Anfall geistigen Amoks. Es war der Augenblick, wo sie wählen mußte und sie wählte, wenngleich nicht ganz überlegt, aber doch instinktiv. Die Vergangenheit, ihre Ehe, schien ihr wie ein unwirklicher Traum, mit hier und da einem längst verloschenen Lichtpunkt. Doch sie überließ sich willig demjenigen, das sie rief, auf Gnade oder Ungnade und begann ihr Leben erneut, einer Macht gehorchend, die stärker war als sie, die Macht des eigenen Volkes, der keine Macht gewachsen war.


1 zentraler Platz, auch als Grasfeld

2 Baum mit Luftwurzeln, heiliger Baum der Indonesier, dem magische Kräfte zugesprochen werden

3 Aus vierzeiligen Strophen bestehende Lieder beliebiger Länge, die auch als Liebeslieder von Verehrern ihrer Angebeteten vorgetragen werden.

4 Rezitieren aus den Heiligen Schriften des Islam

5 Puderförmige kosmetische Mischung aus Reis und Zutaten wie Yambohne (Pachyrhizus erosus), Gewürzlilie, Kurkuma und Fenchel, die als kühlendes Pulver zur Nacht aufgetragen wird

6 Kindermädchen

7 Liege oder Bank aus Bambus

8 Salat aus Obst und Gemüse

9 Zaun aus geflochtenem Bambus oder Hibiskushecke


nach: Wilhelm Walraven, Op de grens, Amsterdam 1952.

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